Ein nicht ganz ernst gemeinter Bericht eines Ironman “Newbies”

 

Ich will Ironman werden!

Die Kinder alle über 16, mehrere Short- Olympische- und 70.3 Distanzen gefinished und schon bald 50 Jahre alt. Dieses Jahr sollte es nun endlich einmal Wirklichkeit werden. Die Königsdisziplin im Triathlon muss herhalten um Midlife-Crises und andere Sportfrustrationen zu besiegen. Der Ironman, sagenumwoben und umrankt von wilden Geschichten und Gerüchten. Und wenn schon ein Ironman, dann nicht einfach „Zu Ende Laufen“ sondern in einer einigermassen guten Zeit und den Zieleinlauf mit erhobenem Haupt erleben. Also, gesagt getan und anmelden für den Ironman Zürich.

Das Training

Bereits im Dezember startete ich mit eisigen Runden auf dem Rennrad rund um den Zürichsee. Ausserdem absolvierte ich zu dieser Zeit 3 einstündige Schwimmtraining pro Woche. Daneben trainierte ich meine Lauffähigkeiten mit „beschämend langsamen“ (im Trainingsplan so benannt) Lauftrainings. Für mich bedeutete dies mit 6:20 bis 6:40 pro Kilometer über den Asphalt zu schleichen. Mein Gott war dies peinlich, ich wurde von Kinder auf Dreirädern, Chiwawas und sogar von schwangeren Frauen überholt. Aber ich schwor jeder und jedem, dass meine Zeit noch kommen würde! Ich trainierte an sechs Tagen die Woche mit teilweise zwei bis drei Einheiten pro Tag was einen durchschnittlichen Schnitt von ca. 12-14 Stunden ergab. Ein Highlight im Februar war das zwei tägige Langlauf- Schwimmtraining in Fiesch bei Sämi Hürzeler und seinem Day-X Coaching Team. Das Schwimmen leitete René Friedli mein „normaler“ Schwimmcoach. „Schwimmcoach“ klingt gut was? Fast wie bei den Profis! Dabei ist er einfach der Trainer bei dem ich regelmässig das Training besuche. Er ist aber nicht einfach ein gewöhnlicher Trainer, sondern Motivator, Berater in allen Sport-Lebenslagen und mittlerweile ein lieber Kollege und das Schwimmen bei ihm macht richtig Spass und ist in höchstem Masse empfehlenswert!

Veloausfahrt im Winter
Veloausfahrt im Winter

Im März dann 10 Tage Trainingslager bei Eitzinger-Sports in Spanien. Bereits zum vierten Mal seit 2006 nahm ich an dem wöchigen Triathlon-Training in Tossa de Mar teil. Einziger Wermutstropfen ist das eher durchschnittliche Essen. Ansonsten super Trainingsbedingungen mit einem Hallenbad in unmittelbarer Nähe und tollen Velotouren. Leider erwischte mich gleich zu Beginn eine Erkältung und ich musste 2 Tage pausieren. In dieser Woche lernte ich auch Christian Brader kennen. Ein deutscher Profi der mittlerweile in der Schweiz lebt und der mir fortan meine Pläne schrieb.

Im April verbrachte ich eine Bike-Woche mit Kollegen in der Toskana bei der auch das gute Essen und der Alkohol nicht zu kurz kam. Immer nur aztekisches Leben zwischen Leuten in eng geschnittenen Funktions-Leibchen und Waden wie Baumstämmen würde mich auf längere Zeit in tiefe Depressionen stürzen. Bei aller Liebe zum Sport, so richtig „die Sau rauslassen“ muss einfach auch einmal sein!

Ich hatte ja bereits erwähnt, dass fortan meine Pläne von Christian Brader geschrieben wurde und damit begann auch der Ernst des Triathlon-Lebens. Der wöchentliche Stundenschnitt stieg auf 13-20 Stunden und die intensiven Training nahmen zu. Ein „gewöhnliches“ Wochenende sah in etwa so aus:

  • Samstag: 3000 Meter Schwimmen, 3 stündiges Radtraining (davon eine Stunde Intervall am Berg), eine Stunde Koppellauf
  • Sonntag: 5- 6 stündige Radausfahrt

Das Resultat war, dass ich jeden Samstag- und Sonntagabend um 21:00 im Bett war und bis morgens um 6:00 Uhr durchschlief. Auch hatte ich für sonst nichts mehr Zeit. Dinge wie Rasenmähen, Autowaschen oder sonstige Alltagsarbeiten wurden immer mehr vernachlässigt. Zum Glück habe ich 16 jährige, starke Zwilling-Jungs welche diese Jobs gerne übernahmen (hehehe).

Die erste Generalprobe stand dann in Rapperswil in Form der Halbdistanz an. Meine grösste Sorge war, dass das ganze bereits absolvierte Training umsonst war und dass ich meine Zeiten aus den letzten Jahren nicht unterbieten würde. Eine gute Zeit musste her, denn so viel hatte ich in meinem ganzen Leben noch nicht trainiert. Die Erlösung kam mit dem Zieleinlauf. Meine Bestzeit aus dem Jahr 2007 konnte ich um ganze 21 Minuten verbessern und war überglücklich.

Nun waren es nur noch ca. 6 Wochen bis zum grossen Ereignis. Christian schob noch einmal einen richtig intensiven Trainingsblock  ein und versuchte mich für den grossen Tage fit zu machen. Ca. 3 Wochen vor dem Ironman hatte ich das ewige Training einfach nur satt und ich sehnte den 24. Juli herbei.

3 Tage vor dem Ironman begann ich, die Seetemperatur akribisch zu verfolgen. Mindestens 5 mal pro Stunde klickte ich mich in die Wetterstation Tiefenbrunnen und jubelte nach jeder Abkühlung oder verfiel in eine morbide Stimmung bei jedem Grad höher welches die elektronische Messung anzeigte. Mein Horrorszenario war, dass das Schwimmen ohne Neopren abgehalten würde. Der Neopren nämlich ist der beste Freund jedes schlechten Schwimmers und für eine 3.8 Kilometer lange Distanz unverzichtbar, will man nicht bei den letzten 5% in der Rangliste enden. Doch alle Befürchtungen und das ganze nervöse rumgeklicke war umsonst, denn am Samstag um 15:30 wurde bekanntgegeben, dass das Schwimmen mit dem Neo erlaubt sein würde.

Der Wettkampf

Und nun war er da dieser 24. Juli. Jeden verflixten Tag hatte ich in den letzten 8 Monaten in irgend einer Weise an diesen Sonntag gedacht. 3.8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Rad und ein Marathon. Um 4:30 Uhr stand ich auf und bereitete als erstes meine Flasche vor. 12 Gels hinein gedrückt und anschliessend mit Wasser auffüllen. Diese Flasche hütete ich wie meinen Augapfel denn der Plan war, dass diese Mixtur mich energietechnisch über die Velorunden bringen würde. Auf der Laufstrecke wollte ich mich dann mit den kulinarischen Leckerbissen der Verpflegungsstände verwöhnen.

Mit dem Zug ging es dann Richtig Wollishofen und von dort zur Wechselzone. Noch einmal ein paar Bar mehr in die Reifen gepumpt den Neo angezogen und der Start konnte kommen. Pünktliche um 06:55 ging es los. Der grosse Krieg im Wasser blieb aus, da dieses Jahr das erste Mal ein sogenannter „Rolling Swimstart“  praktiziert wurde. Jede 5 Sekunden wurden 8 Athleten/inne ins Wasser geschickt. Die Stimmung war perfekt. Am gegenüberliegenden Seeufer ging langsam die Sonne auf und durch die wenigen vorhandenen Wolken entstand eine diffuse, eindrückliche Stimmung. Mit dem Bevorstehenden im Kopf hatte ich mir vorgenommen, das Schwimmen ohne Druck zu absolvieren was mir auch gelang. Schnell fand ich einen Pulk welcher zu meiner Geschwindigkeit passte und hängte mich in das Kielwasser eines vor mir schwimmenden Athleten. Nach einer Stunde 14 Minuten verliess ich das Wasser und machte mich nach dem Wechsel auf Richtung Rapperswil. Die erste Runde konnte ich richtig geniessen. Ein besonderes Highlight ist der Heartbreak-Hill in Kilchberg. Dort werden die Athleten von den Anwesenden richtig gehend den Hügel „rauf geschrien“ und man fährt durch eine ganz enge Gasse aus begeisterten Zuschauern. Dieter Bolen würde sagen „Gänsehaut pur“.

Schon bei der Hinfahrt nach Kilchberg merkte ich, dass der Wind stärker geworden war und dass die Fahrt nach Rapperswil der zweiten Runde härter werden würde. Vielleicht waren es auch meine Beine, aber den 34er Schnitt von der ersten Runde konnte ich im Flachen dann nicht mehr halten und es machten sich erste Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Immer wieder versuchte ich die böse Gedanken aus dem Kopf zu verdrängen: „Noch 70 Kilometer Rad und anschliessend noch ein Marathon“. Auch schien es, dass zwischen der ersten und zweiten Runde die Strassen rauf auf den Pfannenstiel und auf die Forch durch kleine böse Männchen verlängert wurden. Denn plötzlich schienen diese um Meilen länger zu sein und gingen viel mehr in die Beine. Schlussendlich waren aber auch diese Streckenabschnitte vorbei. Die letzten 30 Kilometer aber waren dann richtig hart und die Fahrt zurück nach Zürich und der zweite Aufstieg zum Heartbreak-Hill wurde zur Tortur. Nach 5 Stunden und 45 Minuten war es dann geschafft. Ich konnte mein Rad abstellen und in die Laufschuhe schlüpfen. Nach einem Kilometer merkte ich plötzlich, dass sich im linken Schuh ein ganz fieses Steinchen eingenistet hatte. Da ein 41 Kilometer Lauf mit so einem Stein überhaupt keine Option ist hielt ich an um diesen zu entfernen. Als ich das Bein auf eine Blumenkiste hob wurde ich von Krämpfen nur so geschüttelt. „Das kann ja heiter werden“ dachte ich mir. Mit den grössten Verrenkungen gelang es mir dann aber den Stein zu entfernen ohne vor Schmerzen in den Blumenkübel zu beissen und beim Loslaufen waren die Krämpfe dann auch wieder verschwunden. Unerwarteter weise kam dann bei den ersten 20 Kilometer ein richtiger Flow auf und langsam aber sicher entwickelte sich in mir der Gedanke, dass ich vielleicht heute tatsächlich ein Ironman werden würde.

Mit der Schlaufe durch die Bahnhofstrasse und den Rennweg war die Laufstrecke richtig abwechslungsreich gestaltet und ich genoss jeden Kilometer.  Doch wie so oft im Leben kommt auf ein Hoch ein Tief und diese noch vor kurzem so flüssig abgespulten Kilometer wurden immer länger und länger. Die letzten 15 Kilometer waren dann reine Kopfsache und nur mit grösster Mühe konnte ich mich selber davon abhalten ins Gehen zu wechseln. Als Etappenziel setzte ich mir immer den nächsten Verpflegungsstand. Dort kühlte ich mich mit Schwämmen und wechselte zwischen Cola und Bouillon als Verpflegung ab. Mein Magen rebellierte schon seit längerem und feste Verpflegung (auch Gels) gingen nicht mehr rein. Die Erlösung kam mit den letzten zwei Kilometer. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich, dass ich es schaffen würde und begann mich auf den Zieleinlauf zu freuen. Der Ziellauf ist dann einfach nur reine Freude. Die Zuschauer, der Speaker, die Cheerleaders und die laute Musik sorgen für eine super Stimmung und die ganze Anstrengung der letzten 8 Monate und vor allem der letzten 11 Stunden fällt mit einem letzten Schritt über die Ziellinie von einem ab und die Gefühle explodieren wie ein Feuerwerk. Ich lachte, schrie und weinte alles zur gleichen Zeit. Ein unbeschreibliches Gefühl!

Danke allen welche mich während meiner Trainingszeit unterstützt haben. Auch froh war ich um jedes bekannte Gesicht am Strassenrand. Ohne euch alle hätte ich es nicht geschafft, aber jetzt bin ich ein IRONMAN.

 

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